Anita Biondi | CranioSacrale KörperTherapie | BewusstseinsSchulung

«Ich muss weder lenken, informieren noch missionieren, sondern geschehen lassen»

Anita Biondi, Körpertherapeutin in Zürich, im Gespräch mit Wolfgang Somary

Anita Biondi | Perlenfischerei

(Novalis 3/4 2003, Seiten 34/35, Novalis — Perlenfischerei)

Körperprache hat etwas Besonderes; sie zeigt, dass wir nicht nur einen Leib haben, sondern durchaus Leib sind. Wir können uns mit dieser Sprache abkapseln oder öffnen, abgrenzen oder einbringen. In der Heilpraxis wird eine Stelle berührt — zur richtigen Zeit und auf eine Art, die dem Wesen des Berührten entspricht. Der Klient «be-greift», eine Spannung löst sich, eine Bürde wird abgewälzt. Und dabei wurde kein Wort gewechselt. Du berührst den Klienten; es geht nach meiner Erfahrung sowohl um einen heilbringenden Dialog auf der Ebene des Ätherleibs, als auch um die Verwirklichung des Wortes von ]esus an den Heilsuchenden: epheta (öffne dich). Welche Arbeit machst Du? Wie erlebst Du das?

Ich nenne meine Tätigkeit sehr bewusst «Körperarbeit». Es ist ein Begriff, der als Dach über verschiedenen Körpertherapie-Formen, wie z.B. Shiatsu, Akupressur, Massage etc. zu verstehen ist. Der Ausdruck entstand übrigens aus dem amerikanischen Begriff «bodywork». Der Ausdruck Körperarbeit wird auch oft verwendet, um eine eigene Therapieform zu bezeichnen, die sich aus verschiedenen Ausbildungen und dem persönlichen Prozess der TherapeutInnen ergibt. Ich finde ihn auch sehr passend, da er die wirkliche Situation spiegelt: Es ist Arbeit — innere Arbeit. Oft ist dieser Teil den KlientInnen verborgen, da sie ja entspannt und ruhig daliegen.
Ich bin ausgebildet in Esalen-Massage, Deep Tissue (eine dem Rolfing verwandte Form von Körperarbeit), Chinesischer Akupressur, und Craniosacral-Arbeit. Ich setze sie je nach Situation ein, mische sie wenn nötig. Wenn neue Klienten zu mir kommen, arbeite ich immer zweimal mit ihnen, um zu sehen, ob wir «die gleiche Sprache» sprechen, ob wir uns auf einer nonverbalen Ebene verstehen und erreichen. Ich achte auch darauf, ob sie/er sich aufgehoben und sicher fühlt. Nur im gegenseitigen Vertrauen öffnet sich die Seele für neue Schritte. Es ist Voraussetzung für einen Dialog. Es soll Raum geschaffen werden, ich nenne es holy space.

Ich bin bei Dir beinahe sechs Jahre in Behandlung wegen einer degenerativen Skoliosis, und es geht mir heute, trotz ärztlichen Prognosen, besser als je zuvor. Das habe ich den Impulsen zu verdanken, die Du aussendest, sowohl gedanklich wie auch handwerklich. Wie spürst Du, wie, wann und wo Du den Klienten ansprechen solltest? Wie weisst Du, dass ich mich einmal nach Erdung sehne, ein anderes Mal von chaotischen Verwirrungen befreit werden möchte, ein drittes mal Stärkung brauche gegen Bronchialschwäche? Oft habe ich Dir Deine Volltreffer erst im nachhinein bestätigt, denn Deine Hände wussten besser als mein Kopf, wo die Not lag.

Ich spüre es über «die vergessene Sprache der Seele», durch Achtsamkeit und innere Aufmerksamkeit. Meine Hände sind weiser als ich! Wenn ich arbeite, vertraue ich ihnen voll und ganz. Doch letztendlich bist Du es selbst, der mich leitet. Dein Inneres, Deine Seele. Würde ich meinem Verstand und meinem anatomischen Wissen mehr vertrauen, würde ich vielleicht «etwas hinterherlaufen», und wäre nicht schon da, wo ich gebraucht werde. Arbeite ich aber intuitiv, über die Berührungssprache, bin ich oft schon dort, wo ich sein sollte, wenn Du ankommst. Es ist sehr wichtig — und auch für die Klientin, den Klienten gut spürbar —, dass wir ein gutes anatomisches Wissen besitzen und genau wissen, was wir tun. Doch während der Arbeit fühle ich hauptsächlich oder nehme wahr, ohne Urteil ohne Gedanken. Ich folge den Impulsen Deines Körpers und meiner Hände. Ich beschränke mich nicht auf menschliches Wissen. Ich spüre Verbindungen, Zustände, aber analysiere sie nicht. Jeder Mensch ist einzigartig und braucht erwas Individuelles. Der eine spricht z.B. auf eine Kombination von Impulsen an, um sein Leben in eine neue Richtung zu bringen, eine zweite Person braucht Berührung, damit sie sich selber findet, eine dritte sucht einfach Ruhe. Die Sprache der Hände ist so vielfältig wie das Universum.

Aufnahmebereitschaft und Achtsamkeit müssen beim Klienten wohl vorhanden sein, oder ist das unwesentlich für den Erfolg? Auf welche Art spürst Du, wenn Dir ein Klient antwortet?

Ich spüre es über die Qualität des Gewebes, ob es durchlässig ist oder Widerstand gibt, auch über Zuckungen der Augen. Ganz kleine Zeichen. Sie zeigen mir, wie ich weiter vorgehen soll. Wenn Angst oder Abwehr da ist, warte ich, «spreche» mit dem Gewebe, mit der Seele. Ich lade sie ein, ein ganz klein wenig hinauszuschauen. Ein gutes Bild dafür wäre: wie bei einem Kind, das Angst vor dem Wasser hat. Meine Aufgabe ist es, das Kind auf eine spielerische Art wieder mit dem Wasser vertraut zu machen. Deshalb ist Vertrauen immer Grundlage dieser Arbeit.
Es ist auch wichtig zu schauen, ob meine Art der Arbeit die richtige für die Menschen im Moment ist. Manchmal kann meine nahe Arbeit auch beängstigend wirken, weil die feinstoffliche Ebene Angst auslöst. So wird für diese Menschen eine andere Therapieform wirksamer sein. Man darf einen Menschen nur dort hinführen, wohin er bereit ist zu gehen, wo keine Widerstände sind. Leute, die den Weg zu mir finden, sind oft «Menschen auf dem Weg». Es kommen jedoch auch immer wieder Menschen zu mir, die vom Feinstofflichen nichts wissen, es vielleicht sogar bewusst ablehnen, doch einem inneren Ruf folgen.

Manchmal werden Körperteile von Dir behandelt und «manipuliert», im Sinne von Shiatsu und Akupressur, ein andermal strömst Du, frei von Bewegung, Vitalkraft in die Gegend, die es im Augenblick am meisten verlangt (so wie sich eine Pflanze nach Wasser sehnt), und ein andermal bist Du im Raum, völlig gegenwärtig und konzentriert, doch ohne physische Berührung. Diese Momente sind besonders stark, denn es wird eine andere Sphäre angesprochen. Der Klient mag wohl mit geschlossenen Augen auf dem Massagetisch liegen, Deine gesammelte Präsenz hat eine regenerative Wirkung auf seine Zellen. Worüber sinnst Du in solchen Momenten?

Ich mache mich leer, nehme Distanz und suche Impulse, wo und wie es weiter geht. Sie zeigen mir den Weg. Es kann auch vorkommen, dass eine(r) von uns beiden Distanz und Ruhe braucht. So nehme ich meine Energie zurück und lasse geschehen, entfalten. Geprägt durch meine eigene Erfahrung in Körperarbeit berühre ich den Körper gerne mit meinen Händen, da die Menschen so besser spüren können, was ich tue. Solange sie meine Hand fühlen können, haben sie eine gewisse Kontrolle, über das, was geschieht. Bei manchen Menschen kann es Unbehagen auslösen, wenn sie nicht wissen, was ich tue.

Von der Schulmedizin wird Deine Arbeit nur teilweise anerkannt. Du befasst Dich nicht vordergründig mit physikalischen Symptomen, deren Veränderungen sich klinisch messen lassen. Auch bedienst Du Dich einer anderen Sprache. Siehst Du eine Brücke zu einem gegenseitigen Verständnis, oder ist es dafür noch zu früh?

Die Schulmedizin hat ihren sicheren Platz, was ich auch schätze und richtig finde. Doch es braucht auch uns. Leider fristet die ganzheitliche Körperarbeit immer noch ein Dornröschen-Dasein. Viele Menschen wissen nicht, dass die Heilung in ihnen selbst stattfindet und erwarten ein «Wunder».
Auch vergessen sie oft, dass die Verspannung oder der Schmerz Jahre brauchte, bis sie so intensiv wurden. Zeit bringt Heilung und es braucht Geduld und Vertrauen. Durch diese innere Heilung können die unerklärlichen Spontanheilungen entstehen, die der traditionellen Medizin suspekt schei-nen. Ich habe Erfahrungen gemacht, dass immer eine Verbesserung eintreten kann, wenn wir uns nur genügend Zeit und Aufmerksamkeit für die Heilung geben. Menschen, denen von Ärzten schwierige gesundheitliche Zukunftsprognosen gemacht wurden, und die eigene Wege suchen, um zu heilen, finden oft den Weg zur ganzheitlichen Therapie. Ich würde es sehr begrüssen, wenn auch bei uns im Westen das Wohl des Patienten wieder in den Vordergrund gestellt würde und sich traditionelle und ganzheitliche Medizin gegenseitig öffneten und zusammenarbeiteten. Ich habe von einer indischen Ärztin erfahren, dass in ihrem Land gewisse Spitäler traditionelle Medizin, Ayurveda und Homöopathie je nach Situation einsetzen. Jede Medizin hat dort ihren Platz.

Ich ahne, dass die Übereinstimmung der Qualität unserer Geburtszeiten einer günstigen Auswirkung der Behandlung sehr förderlich ist. Wir haben in Konjunktion den Mond (Gemüt), sowohl wie Venus (Gefühl), und ebenfalls die Sonne (Lebenskern). Das erleichtert sicher den Austausch von Vitalkraft, denn man ist bereits miteinander kosmologisch vertraut. Hattest Du schon Gelegenheit, diesen Vergleich bei anderen Klienten zu machen?

Ja natürlich. Es gibt sicher Konstellationen, die «einfacher» sind als andere. Doch letztendlich ist dies unwichtig für die Heilung. Ich arbeite aus dem Herzzentrum, einer neutralen Basis heraus. Seelenverwandtschaft wie unsere ist keine Voraussetzung für eine wirksame Arbeit. Es macht sie sicher einfacher.
Ein Bekannter von mir verunfallte sehr schwer vor wenigen Jahren. Als nach einigen Tagen noch ein Bruch der Wirbelsäule festgestellt wurde, stand ich ihm ein paar Tage während 24 Stunden voll zur Seite. Ich hörte ihm zu, war für ihn da. Als er einmal erst kurz nach Einnahme von Morphium starke Schmerzen verspürte, bewegte ich ganz sachte den einen Arm, der unverletzt geblieben war, «sprach» zu seiner Seele über diesen Arm. Bereits nach 5 Minuten sagte er: «Ich spüre den Schmerz zwar noch, doch er ist in den Hintergrund getreten». Er schlief bald ein. Am anderen Tag vergass er die Schmerzmittel den ganzen Tag. Erst abends vor dem Schlafen erinnerte er sich daran, nahm noch einmal Morphium. Von da an brauchte er es nicht mehr. Dieses wunderbare Erlebnis hat mich geprägt und zeigte mir, wie stark Präsenz heilend wirkt.

Ich vermute, die Kraft einer zugewandten, schweigenden, achtsamen Präsenz erfährt man ganz besonders in Grenzsituationen, wenn man sich der Fragilität des Lebens bewusst ist. Wie wurdest Du zu dieser Berufung geführt, und wie war Dein Weg?

Ich wusste schon viele Jahre, dass ich irgendwann mit Menschen arbeiten würde.



Unter Heilenden Händen

(Anita Biondi gewidmet)

Als Wasserlilie neu geboren,
wärmt mich dein Sonnenherz.
Du berührst mich, Libelle, im Flug,
gelotst von Urania.
Wo immer du landest
kribbelt mir Leben
lobelien-blau hinter den Lidern.
Dein Augenstrahl betastet die Haut
subtiler als Fingerkuppen
und dein Schweigen im Raum
entfaltet mein Rad zum Lichtkelch
bis der triefende Ätherleib
blühend sich richtet
zum Sonnentempel
wo Deine Gesinnung
widerhallt im Raunen der Luft
wo Sprache ist, Seelenklang,
stumm aus offenem Mund.

Wolfgang Somary

Anita Biondi | Spirgeratenstrasse 17b | 8048 Zürich-Altstetten

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